Page 131 - GoldenesBuch
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Raum für Sehnsucht


    Kurios wird es, wenn man die Sehnsüchte vergleicht. Meine Großeltern sehnten sich
    nach einem Farbfernseher.
    Ich sehn en mich nach einem  Internet, ohne die elterliche Telefonleitung zu belegen.
    Jüngere sehnen sich nach einem digitalen Detox-Retreat, das man online bucht und auf
    Instagram dokumentiert. Sehnsucht mit Hashtag.

                                 t
    Vielleicht ist der Raum für Sehnsucht heute nicht kleiner geworden, sondern unruhiger.
    Vielleicht bekommt der Raum für Sehnsucht eine unerwartet klare Kontur, wenn man an
    die Schlaraffen denkt.

    An diesen bewusst aus der Zeit gefallenen Ort, an dem Männer Rituale pflegen, Titel
    tragen, Sprache verdrehen und die Gegenwart höflich vor der Tür warten lassen.
    Schlaraffia  ist  kein  Rückzug  ins  Schlaraffenland  des  Überflusses,  sondern  fast  das
    Gegenteil:  ein  künstlich  geschaffener  Mangel  an  Aktualität,  Effizienz  und  Nutzen.
    Gerade darin liegt etwas Erhellendes.

    Und dann kamen die Generationen nach mir, sind bereits digitale  Ureinwohner.
    Ihr Raum für Sehnsucht ist seltsam möbliert.
    Alles ist sofort verfügbar, aber nichts bleibt lange genug, um wirklich zu fehlen.
    Man vermisst Dinge, während man sie noch benutzt.
    Das Smartphone liegt in der Hand, und trotzdem sehnt man sich nach „echter
    Verbindung“.   Das ist ungefähr so, als würde man hungrig vor einem offenen
    Kühlschrank  stehen  und  sagen:  „Ich  habe  nichts  zu  essen“,  während  die
    Tiefkühlpizza einen anstarrt.
    Während draußen alles schneller, verfügbarer und beliebiger wird, baut man hier einen
    Raum, in dem Sehnsucht wieder erlaubt ist; nach Langsamkeit, nach Bedeutung, nach
    Spiel.

    Wer in den 80er geboren wurde, erkennt darin vielleicht etwas Vertrautes: die Ahnung,
    dass nicht alles, was möglich ist, auch sofort geschehen muss. Sozusagen, dass Ironie
    auch Tiefe haben kann.


    Vielleicht zeigt Schlaraffia, leicht skurril und ein wenig trotzig, was Sehnsucht im besten
    Fall sein kann: kein  Jammern nach mehr, sondern ein bewusstes Festhalten an dem,
    was nicht praktisch ist, aber trägt.

    Und vielleicht ist genau das unsere heutige Sehnsucht.
    Ein Raum, der nicht gefüllt werden will, sondern bewahrt.

    LULU
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