Page 126 - GoldenesBuch
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113. Wald und Wiese - Sippung 2561 (20.11.166)
Knappe 167
Raum für Sehnsucht
Während der profanen Weihnachtsfeiertage und der dadurch entstandenen
hektischen Zeit, habe ich mir die bewusst die Möglichkeit genommen, um mir
Gedanke über etwas scheinbar Verlorenes zu machen, und zwar den
„Raum für Sehnsucht“.
Der Raum für Sehnsucht ist kein fester Ort. Er ist eher wie ein Dachboden: mal
vollgestellt, mal leergeräumt, manchmal staubig, manchmal überraschend hell.
Wer, so wie ich 1985 geboren wurde, hat diesen Raum in einer ganz eigenen
Bauphase betreten. Dies liegt irgendwo zwischen Wählscheibentelefon und
WLAN-Router, zwischen Kassettenband und ChatGPT.
Meine Generation wuchs mit Sehnsucht als etwas Handfestem auf. Sehnsucht
hatte Wartezeit. Man wartete auf den die Postkarte der Freunde, der nach
Sonnencreme roch.
Auf die Sendung „Wetten Dass?“ am Samstag um 20:15 Uhr, denn
Wiederholung gab es nur, wenn das Fernsehen gnädig war.
Ich kenne noch das sehnsüchtige Bespielen eines Mixtapes, nur um
festzustellen, dass genau der eine Song wieder vom Radio-Moderator brutal
zerredet wurde.
Sehnsucht hatte Pausen – und genau dort konnte sie sich ausbreiten.
Die Generationen vor mir kannten diesen Raum noch größer. Für sie war
Sehnsucht oft geografisch.
Der Onkel wanderte nach Kanada aus und blieb dort gefühlt auf einem anderen
Planeten.
Fotos kamen einmal im Jahr, Menschen verschwanden hinter Ozeanen und
Briefmarken. Sehnsucht war ein langer Flur mit echtem Echo. Gleichzeitig war
sie pragmatischer: Man sehnte sich nach besserem Wetter, nach Frieden, nach
einem Auto ohne Startprobleme im Winter. Kaum jemand sehnte sich nach
„Selbstverwirklichung“ – man sehnte sich eher nach greifbarem.

