Page 128 - GoldenesBuch
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114. Warum nicht - Sippung 2574 (12.3.167) Knappe 169
Braunau am Inn - Gesang aus Stein, Wasser und Traum
Es gibt Städte, die man betritt, und andere, die einen aufnehmen wie ein Gedicht, das
schon lange auf seinen Leser gewartet hat. Braunau am Inn gehört zu den letzteren. Still
liegt es da, dem Fluss zugewandt, als lausche es seit Jahrhunderten dem ruhigen Atem
des Wassers, das Geschichten erzählt, ohne je laut zu werden.
Der Inn gleitet vorbei wie ein alter Freund, silbern im Morgenlicht, smaragdgrün am
Abend, und trägt Spiegelbilder von Fassaden, Türmen und Wolken davon. Seine
Bewegung ist die Zeit selbst: stetig, geduldig, unbeirrbar. An seinen Ufern scheint
Braunau nicht zu stehen, sondern zu schweben – ein Ort zwischen Erdenschwere und
Gedankenflug.
Die Gassen der Stadt sind keine bloßen Wege, sie sind Erinnerungen aus Pflaster und
Schatten. Jeder Schritt hallt leise nach, nicht im Ohr, sondern im Inneren. Häuser reihen
sich aneinander wie Sätze in einem wohlgefügten Text, jedes mit eigenem Klang, eigener
Melodie. Fenster blicken hinaus wie Augen, wissend, freundlich, manchmal verschmitzt.
Und über allem liegt eine Atmosphäre, die nicht beeilt, sondern einlädt.
Wenn der Abend kommt und die Dächer warm aufglühen, dann öffnet sich eine zweite,
verborgene Ebene der Stadt – jene, die nicht jedem sichtbar ist. Dort beginnt das
Schlaraffenreich Brundunum.
Brundunum ist kein Ort auf der Landkarte, sondern ein Zustand des Herzens. Es
entsteht, wenn Ernst und Heiterkeit einander die Hand reichen, wenn Wortwitz schwerer
wiegt als Gold und Fantasie höher geschätzt wird als Titel und Rang. In Brundunum
regieren nicht Macht und Eile, sondern Geist, Spiel und das lustvolle Übermaß des
Denkens.
Hier werden Worte geschmiedet wie edle Metalle, geschliffen an Ironie und Glanz. Hier
darf der Gedanke Purzelbäume schlagen, der Reim stolpern und wieder aufstehen, und
die Rede darf tanzen, ohne sich erklären zu müssen. Die Schlaraffen von Brundunum
tragen unsichtbare Kronen, geschmiedet aus Freundschaft, Bildung und einem
Augenzwinkern, das mehr sagt als lange Reden.
In den Hallen dieses Reiches – man erkennt sie oft erst beim zweiten Blick – wird gelacht
mit Tiefgang und gedacht mit Leichtigkeit. Kunst und Technik, Geschichte und Phantasie
sitzen hier an einem Tisch, trinken aus demselben Becher und streiten sich nur zum
Vergnügen. Niemand gewinnt, und doch gehen alle bereichert nach Hause.
So ist Braunau mehr als eine Stadt. Es ist ein Resonanzraum. Für Stille. Für Sprache. Für
jene seltene Form von Schönheit, die nicht glänzt, sondern bleibt. Und Brundunum ist ihr
poetisches Echo – ein Reich, das man nicht erobert, sondern betritt, wenn man bereit ist,
die Welt ein wenig schräger, wärmer und klüger zu sehen.
Wer einmal dort war, trägt es weiter. Im Wort. Im Blick. Im Lächeln.
Lulu

